Roberto Maroni, der italienische Innenminister von der Lega Nord, palavert ständig von Freiheit für Padania, dem rassistischen Phantasieland der norditalienischen Faschisten, und hat den guerra al nemico interno – den Krieg gegen den Feind im Innern – ausgerufen.
Die Sicherheit des Volkskörpers ist das erste Ziel der padanischen Republik. Sie funktioniert als totalitärer Staat, der keine Mittel scheut, um gegen den Feind im Innern vorzugehen. Es gilt immer die Prämisse, daß der Zweck alle Mittel heiligt. Das heißt, der Staat bekämpft den Feind mit allen Mitteln, auch wenn er dabei seine scheinbar demokratischen, ureigensten Prinzipien über Bord wirft. Diese nationale Staatsidee pervertiert das Kollektiv der Bürger_Innen zum nationalistisch-rassitischem Volkskörper, was zur Zeit und auch schon in der Vergangenheit leider zu oft nicht erkannt und als vermeintlich befreiend hingenommen wurde.
Im gegenwärtigen Italien ist es Maroni, der den Krieg gegen den Feind im Innern ausgerufen hat. Er bekämpft alle Extracomunitari, alle Menschen, die nicht EU-Bürger_Innen sind. Der zweite innere Feind sind die Tifosi und vor allem die Ultràs. Es sind die begeisterten Fußballfans, die ihrem Verein, ihrer Mannschaft überall hin folgen, sie unterstützen, für sie singen, die wahrscheinlich mehr Geld für ihre Mannschaft ausgeben, als für ihre Nächsten – Familien, Eheleute, Kinder, Geliebt_Innen usw.

Weitere Bilder gibts hier
Schon am 15. August wurde per Dekret (pdf auf italienisch) in Zusammenarbeit mit dem italienischen Fußballverband (FIGC) ein obskures Comitato di Analisi per la Sicurezza delle Manifestazioni Sportive (CASMS) – Kommitee zur Analyse der Sicherheit von Sportveranstaltungen – gebildet, das sich vor allem um die Fanaktivitäten in und um das Stadion kümmern sollte. Dies war lange vor Saisonbeginn. Massenschlägereien, Vandalismus und Angriffe auf die Polizei gab es zu dieser Zeit nicht.
Die sogenannten Ausschreitungen von Napoli Tifosi beim AS Rom waren händeringend erwartet worden. Es gibt durchaus Anzeichen dafür, daß der Skandal durch die Absage der Bereitstellung eines Zuges provoziert wurde. Außerdem waren sie – wie in vielen Videos (1, 2, 3) zu sehen ist – sehr viel unspektakulärer, als es später in der Presse verbreitet wurde. Des Weiteren hatten einige politische und ökonomische Interessengruppen – vor allem ein norditalinischer Medienmogul und Ministerpräsident sowie süditalienische Mafiosi – ein sehr großes Interesse an der Eskalation der Ereignisse. Das Ergebnis war, daß das neue CASMS erstmals maßgeblich intervenieren durfte. Der Kampf gegen den inneren Feind Fußballfan konnte sehr viel unerbittlicher und repressiver weiter geführt werden. Der Krieg gegen die Ultràs war eröffnet!

Als erstes reglementierte Maroni den Verkauf von Eintrittskarten für ausgewählte Spiele. Es betrifft zumeist die immer hart umkämpften und attraktiven Derbys, die Tausende Fans anziehen, die sonst nicht ins Stadion gehen. Ein Schelm, wer daran denkt, daß die vergrätzten Zuschauer sich dem Bezahlfernsehen SKY zuwenden, das komplett zu Berlusconis Medienimperium gehört. Brauch da jemand ganz andere Abonnenten.
Die Restriktionen betreffen vor allem Auswärtsfans. Die dürfen nämlich gar nicht mehr kommen. Sie bekommen keine Züge und Eintrittskarten sowieso nicht. Die Gastgeber werden ebenfalls reglementiert. Sie sind verpflichtet lediglich Dauerkarteninhaber ins Stadion zu lassen. Außerdem drohte er mit harten Repressionen bei (provozierten) Gewaltausbrüchen. An diesem Wochenende betrifft Maronis totalitärer Rundumschlag gegen Fußballfans das Appennino-Derby zwischen Juventus und Bologna in der ersten Liga sowie das Spiel Livorno-Pisa in der Serie B.

Bei Senza Soste wird beklagt, daß Protest gegen die Entscheidung des Innenministers und der FIGC sich in Grenzen hält. Nur zu viele zerstören die calcio-passione und opfern sie für den calcio-consumo, der Fußball lediglich konsumieren. Die Kurve in Livorno reagiert nun, wenn auch zaghaft, mit dem Aufruf Kein Derby ohne Rivalen und ruft dazu auf, nicht ins Stadion zu gehen, sondern draußen zu bleiben.
Wie die Pisani protestieren werden, ist noch unklar. Die Polizei wird die Stadt wohl zur No-Go-Area für Fußballfans machen. Die Bürgermeister von Livorno und Pisa haben sich gegen die Direktive Maronis ausgesprochen, vor allem, weil die letzten großen Ausschreitungen zwischen Pisa und Livorno in den 70er Jahren stattfanden und es erstamls keine fiesen Anfeindungen zwischen den Fanlagern gab, sondern im Gegenteil von beiden Seiten Solidaritätsbekundungen ausgetauscht wurden.
2 Antworten auf “Orwellismo im italienischen Fußball”