Santos ist frei!

Laut 11 Freunde ist Santos wenige Stunden vor dem Champions-League Spiel von Atletico Madrid bei Olympique Marseille am Dienstagabend auf Kaution freigelassen worden. Dies ist um so bizarrer und obskurer, weil Santos am vergangenen Freitag wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung und Anstiftung zur Gewalt in einem fetten Schauprozeß, der aber auch nicht einen Deut der Vorwürfe bestätigen konnte, noch zu 3 1/2 Jahren Haft verurteilt wurde.

Vor dem gestrigen Rückspiel phantasierten sich die Vereinsoffiziellen noch schnell Morddroohungen gegen Fans und Spieler zusammen, weshalb das Auswärtskontigent nicht in Anspruch genommen wurde. Vielelicht hatten die Spanier aber auch vor ihren Franco udn die Waffen-SS verherrlichenden eigenen Fans Angst, die wieder mit Rassismus agieren würden. In Frankreich wäre solch ein Verhalten, wie es die Madrilenen im eigenen Stadion an den Tag gelegt haben, beim Hinspiel im Oktober, nicht geduldet worden.

Bei sportswire gibt es einen ausgezeichneten Artikel über das verhalten der spanischen Fans, die Vereinsoffiziellen von Atletico, die spanische Polizei und Presse. Besonders interessant finde ich, wie schamlos sich die Madrilenen als Opfer stilisieren und fortgesetzt gegen Franzosen und L‘OM im Besonderen wettern.

In Berlin gibt es ebenfalls einen Verein, der dies vorzüglich praktiziert. Trotz Massenschlägerei, die am vergangenen Sonntag beim Derby gegen TeBe von den eigenen Fans ausgelöst und permanent eskaliert wurde, schafft er es sich als mißverstandenes Unschuldslamm zu inszenieren und eine objektive Berichterstattung der Ereignisse zu fordern. Geflissentlich verschwiegen wird aber, daß sich im Block ungeniert und integriert Nazis aufhielten, daß es eine Soli-Choreo für die Nazimarke Thor Steinar organisiert vom offiziellen Fanbeauftragten geben sollte und daß nach dem Einschreiten der uniformierten Hooligans diese kollektiv angegriffen wurden sowie mit allem beworfen wurden, was nicht angeschraubt war.

So scheinen sie europaweit zu sein, die armen Vereine, die eine Nazi- und Hooligankurve ihr eigen nennen dürfen. Immer sind es die anderen, die provozieren, inszenieren oder gar verleumnden. Die eigenen Fans werden gedeckt und verharmlost. Im Fall von Santos funktionierte dies denkbar schlecht. Schließlich gab es Bewegtbilder, die erschreckend die Brutalität der spanischen Guardia Civil dokumentierten. Hierbei können die Reaktionen der französischen Gäste, die Sitzschallen warfen, beinah schon als harmlos interpretiert werden.

Nach den Ereignissen und der Verhaftung von Santos wurde Madrid bestraft. Dem Verein wurde ein Geisterspiel auferlegt, was aber eigentlich zwei sein sollten und vor allem, um auf den Rassismus der Fans zu verweisen, mindestens 300 km entfernt von Madrid stattfinden sollte.

Santos gegenüber wurde während seiner Haft europaweit und spektrenübergreifend eine enorme Solidarität entgegengebracht. Marseille und sein Verein stellte sich uneingeschränkt und umfassend auf die Seite ihres Fans. Prominente Fußballer, wie Zidane, Drogba und Ribéry unterstützten die kampagne zur Freilassung von Santos. Die Madrilenen sprühten Geifer, faselten etwas von einer french connection. Die OM-Fans dagegen waren kreativ, offen und freundlich. Die Freilassung von Santos war schon längst überfällig. Jetzt fehlt nur noch die Aufhebung der Strafe für den Marseille Fan und der Freispruch!


7 Antworten auf “Santos ist frei!”


  1. 1 MisterMadunina 11. Dezember 2008 um 11:11 Uhr

    Der Fall Santos ist ein Paradebeispiel für das, was sie „Demokratie“ nennen und niemand scheint sich daran zu stören. Dabei geht es hier gar nichtmal so sehr um Fußball und Gewalt, sondern um die Grundprinzipien, mit denen sich die westliche Gesellschaft ja so gern schmückt. Ich bin im übrigen ganz eurer Meinung

  2. 2 Jurij 11. Dezember 2008 um 12:24 Uhr

    Sehr schöner Artikel, Mr. Madunina. besonders die Thematisierung des eurozentrischen Demokratieverständnißes finde ich super. Mich nervt das Mißverhältnis zwischen eigenen Anspruch, dem eingenen Verhalten und der Umgang mit Freiheitsrechten in anderen Ländern ebenfalls. Einerseits wird rumgeheult, wie grauenhaft es in Russland, Venezuela. der Türkei, im Iran oder in China um die Menschenrechte steht, aber im eigenen Land wird völlig vergessen, daß die Beschneidung der Freiheitsrechte erst vor den Verfassunggerichten oder gar nicht beendet wird. Eine echte kafkaeske Gerichtsposse!!!

  3. 3 MisterMadunina 11. Dezember 2008 um 17:23 Uhr

    Mal ganz abgesehen von der Menschenrechtsproblematik fand ich noch einen anderen Aspekt interessant (oder zum kotzen). Westliche Demokratie (und ich meine hier Jefferson et al) basierte einmal auf der Vorstellung, dass ein freies und informiertes (!) Individuum über seine Rechte und Pflichten mitentscheiden darf. Schon vor jeder Prügelorgie und jedem Schauprozess wird das Prinzip ausgehebelt, wenn der Durchschnittsteilnehmer sich gar nicht mal mehr sinnvoll informieren kann, weil die Medien versagen. Aber was schert’s mich, ich hab ja an das Demokratie-Geplapper sowieso nie geglaubt…erschreckend ist es aber doch.

  4. 4 Jurij 12. Dezember 2008 um 12:34 Uhr

    die gezielte desinformation eben auch in demokratien ist ein fatales verbindungsglied zu totalitären systemen. es scheint seit dem kalten krieg udn noch viel mehr seit den terrorismus zeiten uninteressant, was annähernd passiert ist, sondern viel wichtiger, wer am lautesten schreit. leider hat die gegeninformation keine allzubreite lobby. ihre chance sind lediglich die straße, blogs und andere virtuelle soziale systeme.

    erschreckend finde ich vor allem die ohnmacht mit der beschuldigte konfrontiert sind, denen aus politischen interesse etwas angehängt wird. meistens geht es dabei darum die eigenen fehlleistungen und unsensibilitäten auf andere(s) zu projezieren. grauhaft & erschreckend!

    ich denke, daß aus diesen gründen – mangelhafte gegeninfomation, schlecht recherchierte / bezahlte medien, aufhebung der gewaltenteilung – die sogenannte europäische diktatur permanent am rande eines totalitären system wandelt. es kann in krisensituationen sofort umkippen. dies ist gerade eindrucksvoll in griechenland zu beobachte, wo offenbar polizei und nazis gemeinsam auf die jagd nach linken gehen. italien ist ebenfalls solch ein beispiel, wo eine staatliche eskalation totalitäre maßnahmen rechtfertigt. von den leutchens rund um den öl-bush brauchen wir gar nicht erst anzufangen…

    es ist auf jeden fall echt erschreckend, wie einfach die eskalation läuft und wie willfährig sie unterstützt wird. das macht verfammt angst!

  5. 5 MisterMadunina 15. Dezember 2008 um 15:00 Uhr

    Macht Dir Angst? Dann lies mal den hier…

  6. 6 Jurij 15. Dezember 2008 um 16:22 Uhr

    Der Artiekl ist echt ’ne Frechheit. Santos Fall ist dabei lediglich der Aufhänger für eine undifferenzierte Darstellung von Fußballsfans als Gewalttäter, quasi als Ultrà-Mafia, die die Vereine im Schwitzkaste hält. Echt zum kotzen!

  1. 1 Santos Mirasierra - Parodie de Justice! » Fussball » Italien blog Pingback am 11. Dezember 2008 um 18:40 Uhr

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>